Präsident Hanns-Jörg Westendorf: „Der schönste Tag meines Fortuna-Lebens“
Franz Beckenbauer schlenderte nach dem WM-Finale 1990 tief in Gedanken versunken allein über den Rasen des Stadio Olimpico in Rom. Nach dem 2:1 gegen Siegen gibt es von dir ein nahezu identisches Foto im Südstadion. Was ist dir in diesem Moment durch den Kopf gegangen?
„Ich konnte beim Abpfiff selbst noch nicht glauben, dass unser großer Traum in Erfüllung gegangen ist. Mir gingen die letzten sieben Jahre durch den Kopf, in denen wir gehofft, gezittert haben und doch gescheitert sind. Ich hatte in den Tagen vorher schon Angst, kurz vor dem Ziel zu scheitern. Erst nach ein paar Minuten, spätestens nach der Bierdusche, wusste ich, wir haben es geschafft. Von da an habe ich den Tag nur noch genossen. Es war der schönste Tag in meinen 54 Jahren Fortuna. Dafür bin ich unendlich dankbar.“
Bei der Saisoneröffnung hast du den Aufstieg sehr offensiv als Ziel ausgegeben. Matthias Mink wirkte dabei eher zurückhaltend. Habt ihr später noch einmal darüber gesprochen? Das hätte auch nach hinten losgehen können…
„Hätte, ja… Irgendwie hatte ich aber bereits in der Vorbereitung das Gefühl, da haben wir ein paar ganz besondere Typen beieinander. Nach dem 2:2 im Testspiel gegen den FC war ich sehr zuversichtlich, dass es dieses Jahr funktionieren kann. Dann habe ich eben dieses Ziel formuliert. Matthias hat das schon ein paar Mal durch die Blume angesprochen, aber nach dem Trainingslager war er dann inhaltlich bei mir.“
Wie erlebst du Matthias Mink heutzutage, als Trainer, als Sportdirektor und als Mensch?
„Als jemanden, für den dieser Aufstieg mit seinem Verein das Allergrößte ist. Ohne ihn hätten wir das nicht geschafft. Er kann wie kein Zweiter einschätzen, was bei Fortuna möglich ist und was nicht. Zudem nimmt er sein Trainerteam mit. Die Spieler vertrauen ihm.“
Gab es für dich einen Moment in dieser Saison, der besonders herausgestochen ist?
„Ganz klar, dass 3:1 in Oberhausen. In diesem Spiel haben wir die notwendige Distanz zwischen uns und unseren ärgsten Verfolger gebracht, die bis zum Saisonende gehalten hat. Und natürlich das 2:1 von Hamadi Al Ghaddioui gegen Siegen.“
Welcher Spieler hat dich in dieser Saison besonders beeindruckt, und warum?
„Da gibt es einige. Ich könnte eigentlich das ganze Team nennen, der Zusammenhalt ist unfassbar. Wir haben drei Spieler, die zehn Tore und mehr erzielt haben, die beste Defensive der Liga und unser Mittelfeld sucht seinesgleichen in der Liga. Zudem konnte Matthias jederzeit Ersatz von der Bank bringen. Daher will ich keinen einzelnen herausheben.“
Fortuna erlebt derzeit einen deutlichen Aufschwung: Die Zuschauerzahlen steigen, der Merchandising-Verkauf wächst rasant, die Social-Media-Follower nehmen stark zu und auch der Sponsorenpool erweitert sich kontinuierlich. Der Klub aus der Südstadt ist sexy und gewinnt spürbar an Strahlkraft…
„Das spürt man schon seit zwei Jahren. Großen Anteil daran haben Geschäftsführer Niklas Müller und sein Team, die die Fortuna anschlussfähig gerade bei jungen Leuten gemacht haben. Da ist ein wunderbares Team neben dem Team gewachsen. Wir haben dadurch heute einen Rahmen, den wir beim ersten Drittligaaufstieg nicht hatten. Und Dank an die vielen Sponsoren, die uns über die Jahre treu geblieben sind. Ich glaube zudem, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist.“
Fortuna ist weit mehr als nur die erste Mannschaft. Auch in den anderen Bereichen war die Saison außergewöhnlich erfolgreich. In der kommenden Spielzeit spielen die Profis, die zweite Mannschaft und die U19 in denselben Ligen wie Fortuna Düsseldorf, sicher eine Momentaufnahme, aber trotzdem bemerkenswert...
„Absolut. Wenn ich daran denke, ist das eigentlich unmöglich. Ich rede oft mit Rafael Iborra darüber, der auch einen ganz großen Anteil daran hat und wir beide können es kaum fassen. Aber es ist ja nicht nur das. Wir haben eine Frauenmannschaft in der 3. Liga, die den Verbandspokal gewonnen hat, und nehmen mit 30 Mannschaften am Spielbetrieb teil. Im Hinblick darauf gibt es nicht so viele vergleichbare Vereine.“
Siehst du Fortuna sportlich bereits bereit für die 3. Liga?
„Grundsätzlich ja, aber wir dürfen uns nicht blenden lassen. Dieses Feld der Mannschaften ist mega attraktiv, aber auch ein Brett. Wir sind jetzt auf einem anderen Level unterwegs, der uns deutlich mehr abverlangen wird und Verstärkungen notwendig macht. Das wissen die Trainer aber auch und wir haben schließlich unseren Scout Pascal Lammerich, der wird desbezüglich Antworten finden und vorschlagen.“
Das „F“ bei Fortuna steht für Familie, und bei uns ist das mehr als nur ein Slogan, sondern wird tatsächlich gelebt. Was zeichnet den Verein aus deiner Sicht besonders aus?
„Diese bemerkenswerte Nähe aller Entscheidungsträger. Wir haben keinen Aufsichtsrat, sondern setzen uns als Vorstand mit Niklas zusammen und finden Lösungen. Dass ein paar Freunde dies im Profifußball so handhaben, ist aus meiner Sicht einzigartig. Diese wunderbare Reise durch die Saison 2025/26 hat in dieser Konstellation ihren Ursprung. Aber auch die bedingungslose Identifikation der Fans mit dem Verein und all seinen Mannschaften. Vieles wirkt bei uns improvisiert, manche mögen darüber lachen, aber in meinen Augen ist es Ausdruck einer Stärke, die bemerkenswert ist. Nur so haben wir im Jahr 2019 nach dem Ausstieg des Investors die unfassbaren Herausforderungen des Neustarts meistern können. Die meisten anderen Vereine unserer Größenordnung hätten sich davon nicht mehr erholt.“
Das Pokalfinale war ein echtes Fußballfest. Der Fanmarsch war beeindruckend, im Höhenberger Sportpark war Zollstock das Maß aller Dinge, die Fortuna zahlenmäßig klar überlegen. Wie sehr schmerzt diese Niederlage nach dem Elfmeterschießen noch?
„Gar nicht so sehr, wie man annehmen sollte, auch wenn der Sieg finanziell natürlich ein schönes Zubrot erbracht hätte. Der Aufstieg hat die Saison gekrönt. Da kann man schon verkraften, dass man im Stadion des noch klassenhöheren Gegners nach Elfmeterschießen verliert.“
Wie würdest du das Verhältnis zur Viktoria beschreiben? Sportlich ist man näher zusammengerückt, infrastrukturell gibt es sicher noch Unterschiede. Trotzdem sagen viele in Köln: Fortuna war und ist die Nummer zwei der Stadt. Wie siehst du das?
„Ich bin da wahrscheinlich der falsche Ansprechpartner (lacht). Ernsthaft… Wie die Sympathien verteilt liegen, konnte man im Stadion glaube ich ganz gut sehen und hören. Letztlich zeigen auch die Frotzeleien auf den offiziellen Kanälen der Viktoria doch nur, dass die Wucht der Fortuna und der Aufstieg dort einiges an Unruhe und Betriebsamkeit ausgelöst hat. Wir als Fortuna tun gut daran, uns ausschließlich mit uns selbst zu beschäftigen und manche Dinge gelassen zu beobachten. Mein persönliches Verhältnis zu den Entscheidungsträgern bei Viktoria ist gut und wird auch so bleiben. Es gilt anzuerkennen, was dort in den letzten Jahren gerade nach dem Ausscheiden von Franz-Josef Wernze geschaffen worden ist.“
Das Thema Infrastruktur begleitet den Verein schon lange. Wo siehst du aktuell den größten Handlungsbedarf? Was muss sich dringend verbessern, welche Themen haben Priorität, und wann können die Fans mit konkreten Veränderungen rechnen?
„Fakt ist, die Infrastruktur sowohl im Profi- als auch im Amateurbereich ist mangelhaft. Realistisch eingeschätzt können wir nur eine Politik der kleinen Schritte gehen und hierfür um Unterstützung der Stadt bitten beziehungsweise sie fordern. Der große Wurf eines Stadionneubaus beziehungsweise der Umgestaltung des Jean-Löring-Sportparks ist in meinen Augen aufgrund der finanziellen Situation der Stadt unrealistisch. Gottseidank haben wir mit dem neuen Oberbürgermeister einen Fürsprecher des Sports. Die Kommunikation mit den Entscheidungsträgern in der Verwaltung hat sich seit der Kommunalwahl deutlich verbessert. Der erste Schritt ist eine Verbesserung der Parkplatzsituation am Südstadion, der zweite die Überdachung der Gegengeraden, der dritte die Umwandlung des Ascheplatzes in einen Kunstrasenplatz. Wenn wir das geschafft haben, ist schon viel erreicht. Die Überdachung der Gegengerade sehe ich als realistisches Projekt im Laufe der neuen Saison.“